THE THINGS I FOUND

LOST THINGS AND THEIR STORIES

FOUND IN: MUNICH

48°07'47.2"N 11°32'59.1"E

OCTOBER 10, 2014

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ENTTÄUSCHUNG IN GOLD

By Peter Bartsch, Munich

 

 

Du liegst im Dunkel eines ausgedienten Schmuckkästchens. Du bist nicht allein. Neben und unter dir drei Tütchen mit Ahoj-Brause, ein Ghostbusters-Button, eine mit weißen Plastikkügelchen gefüllte Pelikanpatrone, ein Schlüsselanhänger mit grünem Dresdner-Bank-Elefanten, ein paar Pfennigstücke.

 

Durch deine Öse war einst eine Kordel gezogen, aus blauer und gelber Schnur, den Vereinsfarben. Eine Zeitlang hingst du an der Wand. Die Kordel bildete, über zwei Nägel geführt, ein Dreieck, mit dir an der nach unten weisenden Spitze. Als man dich dem Jungen um den Hals hängte, lächelte die Mutter breit, der Vater angestrengt. Wenig später warf dich der Junge zornig in eine Ecke seines Zimmers. Du lagst hinter einer Chio-Chips-Tonne voller Legosteine und wurdest erst nach Monaten von fürsorglichen Mutterhänden hervorgeholt, vom Staub befreit, poliert und zunächst in eine Vitrine gelegt, dann an die Wand im Flur gehängt, zwischen gerahmte Familienbilder, Setzkästen, Salzgebäckkränze. Verwandte sollten dich bewundern, Freunde dich respektvoll betrachten. Doch kaum einer tat es. Trainervater und Sportlersohn ignorierten dich geflissentlich, in seltener Eintracht. Du hattest keine Vorgänger, keine Nachfolger. Du bliebst ein Einzelstück, verliehen an den klar Unterlegenen, nachdem der Gegner verletzt aufgeben musste. Eine Enttäuschung in Gold. Mit dir verschwand der Tennisschläger unterm Bett. Er wurde nicht wieder hervorgeholt.

 

Als die Renovierung anstand, verstaute man dich in einem Umzugskarton auf dem Dachboden. Und erst nach vielen Jahren öffnete sich der Karton wieder. Mit einem freudigen Ausruf ergriff dich ein kleines Mädchen. Doch sein Interesse galt nicht dir, sondern der hübschen blaugelben Kordel. Eifrig löste sie den Knoten, die Kordel schnurrte durch deine Öse, und du fielst hart auf den Boden. Die Kordel wurde wieder verknotet und umspielte alsbald die flinken Kinderhände, wurde zum Eifelturm, zum Hexenbesen. Und schon hüpfte das Mädchen davon, ohne dich weiter zu beachten.

 

Dann kam irgendwann der Junge zurück, kaum wiederzuerkennen, mit Dreitagebart und kurzem Haar. Er kramte herum, öffnete Schränke, Kisten, Kartons, sammelte alles Mögliche ein. Da trat er zufällig auf dich. Er nahm dich und du lagst auf seiner flachen Hand, als prüfte er dein Gewicht. Er holte tief Luft, plusterte die Backen auf, hielt inne und ließ die Luft entweichen, langsam und sacht, und sein Blick ging ins Leere. Dann besann er sich, schaute umher, entdeckte das Schmuckkästchen, öffnete es. Er grinste, als er den Inhalt sah, und legte dich einfach dazu.

 

Jetzt steht das Schmuckkästchen geöffnet auf einem Tapeziertisch. Hunderte Menschen drängen vorbei. Um dich herum liegen Clever & Smart-Hefte, ein Dia-Apparat, schwere Kristallaschenbecher, ein piepsender, leuchtender Mini Senso, der schnell einen Käufer findet. Doch keiner erfragt deinen Preis. Einmal wirst du in die Hand genommen, die Gravur auf deiner Rückseite wird laut vorgelesen. Man lacht, man legt dich zurück, aber nicht in das Kästchen, sondern daneben. Und beim Kommen und Gehen, beim Hierhin- und Dorthingreifen, beim Stoßen und Drängeln, wanderst du allmählich an den Rand der Tischplatte.

 

Du fällst. Der Tag endet. Die Menschen verschwinden. Die liegst auf der weiten, windigen Theresienwiese, den Hundenasen und Nacktschnecken preisgegeben. Unbeachtet und unerwünscht. Und nie in Ehren gehalten. Außer damals, von den fürsorglichen Händen der Mutter, der tröstenden, stolzen, bedingungslos liebenden.

 

 

Photography, Robert Götzfried